Aktiv für Menschenrechte – Großprojekt mit vielen Akteuren
Ein Abend, der unter die Haut geht
Kinoabend mit »No Other Land« in St. Vith: Rund 70 Menschen erlebten einen bewegenden Dokumentarfilm und eine Diskussion, die noch lange nachhallt.
Als die letzten Bilder von »No Other Land« verblassten, blieb der Kinosaal des Corso in St. Vith für einen langen Moment vollkommen still.
Rund 70 Menschen aus Ostbelgien, aber auch palästinensische Geflüchtete, die ihr Heimatland und teils ihre Angehörigen verloren haben, saßen in gemeinsamem, betroffenem Schweigen. Dieses Schweigen sprach für sich.
Der Oscar-prämierte Dokumentarfilm (bester Dokumentarfilm 2025) zeigt, was viele Medien kaum zeigen: die schleichende, systematische Zerstörung palästinensischer Lebensräume im Westjordanland durch israelische Behörden und Siedler, und das bereits lange vor dem 7. Oktober 2023. Im Mittelpunkt steht Basel Adra, ein junger palästinensischer Aktivist aus Masafer Yatta bei Hebron. Seine Freundschaft mit dem israelischen Journalisten Yuval Abraham, die Achse, auf der der Film dreht, ist dabei weit mehr als eine bloß menschliche Note. Sie ist ein kleines Zeichen, dass eine andere Wirklichkeit möglich wäre.
“Travailler la terre, c’est la première forme de résistance”
Nach der Vorführung blieben rund 40 Personen für die Gesprächsrunde, moderiert von Clara Falkenberg und Catherine Bettendorf von der Initiative »Aktiv für Palästina«. Als Gesprächspartner standen der Historiker und Pädagoge Dr. Jens Giesdorf sowie Jean-François Lauwens von der Entwicklungsorganisation Entraide et Fraternité zur Verfügung.
Lauwens erklärte, warum seine Organisation das Filmprojekt bereits 2020 mitfinanziert hat: “Travailler la terre, l’agriculture, c’est la première forme de résistance à l’occupation israélienne”, die Landwirtschaft zu betreiben ist für die palästinensischen Bauern die erste und elementarste Form des Widerstands. Genau diese Kooperativen, vor allem Frauenkooperativen in der gesamten Westbank, unterstützt Miteinander Teilen finanziell. Die Botschaft ihrer Partner sei dabei eindeutig: Wer auch nur einen Tag das Land verlasse, riskiere, es für immer zu verlieren.
Geschichte, die erklärt – aber nicht tröstet
Dr. Giesdorf, der Ende der 1990er Jahre in Jerusalem studiert und dort gelebt hat, ordnete den Konflikt historisch ein: vom israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948/49 über den Sechstagekrieg 1967, dem Beginn der Siedlungspolitik im Westjordanland, bis zum Jom-Kippur-Krieg 1973. Heute leben nach seinen Angaben über eine halbe Million israelische Siedler in der Westbank, darunter in der Stadt Ma’ale Adumim mit rund 50.000 Einwohnern, vollständig auf palästinensischem Gebiet errichtet. “Eine Stadt dieser Größenordnung kann man nicht von heute auf morgen zerstören”, sagte Giesdorf, und damit ist die Logik der Besatzung auch in Beton gegossen.
Aus dem Publikum kamen Fragen, die vielen im Raum auf der Seele lagen: Wie kann eine Demokratie so etwas zulassen? Was können wir hier in Europa konkret tun? Dr. Giesdorf antwortete ehrlich, und das tat weh: “Ich weiß nicht, wie lange das dauert, bis sich vor Ort etwas verändert.” Abende wie dieser, das Informieren, das Sichtbarmachen, es seien wichtige Schritte, aber kleine. Lauwens ergänzte: Die Forderung nach einer Aussetzung des EU-Handelsabkommens mit Israel sei keine glamouröse Forderung, aber eine der wirksamsten politischen Hebel, die die Zivilgesellschaft zur Verfügung habe.
Die Moderatorinnen schlossen den Abend mit einer Ermutigung: Es reiche, empört zu sein, auch ohne das gesamte historische Wissen zu besitzen. Und Basel Adra, dem Filmemacher aus Masafer Yatta? Er wurde nach seiner Europareise verhaftet. Ein Mitarbeiter wurde durch Siedler getötet. Die Region wird weiterhin täglich angegriffen. Wie es ihm geht, erfährt man am ehesten über seine sozialen Medien.
ZUR GRUPPE
“Aktiv für Palästina” ist eine Ende 2025 gegründete ehrenamtliche Initiative aus Ostbelgien. Der Abend wurde unterstützt durch ArsVitha, Miteinander Teilen, dem Landfrauenverband und Attac DG.
Bericht von Anne Heiners und Véronique Wetzelaer

