Zitate aus dem Vortrag von Pierre Stutz: “Unsere Hauptaufgabe ist es, gute Nachrichten weiterzuerzählen” / “Ich bin angenommen, so wie ich jetzt bin.” / “Ärger als eine Friedenskraft erkennen” …

Ärger, Zorn und Wut sind Gefühle die jeder Mensch kennt. Die damit zusammenhängende Aggression lässt sich nicht einfach verdrängen sondern prägt Denken und Fühlen, Seele und Körpererfahrung. Der Schweizer Theologe Pierre Stutz hat viele Menschen in Ostbelgien aus der Seele gesprochen und zum Nachdenken angeregt.

Text von Lothar Klinges

Der große Irrtum des Lebens besteht darin, es allen Menschen recht machen zu wollen.  Unter dem Deckmantel des Friedens wird so viel unter den Teppich gekehrt. Den Frieden zu lieben heißt auch mal fest auf den Boden zu stampfen. Ein Patentrezept hat er nicht zu bieten. “Wenn ich Ärger spüre, dann stampfe ich kräftig mit den Füßen auf den Boden. Dann merke ich: Ich bin nicht nur Ärger, der ist ja nur ein Teil von mir.“

So lud Pierre Stutz die 200 aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörer ein, aufzustehen und fest auf den Boden zu stampfen.  “Das habe ich als Kind zu wenig gelernt. Ich habe erst spät gelernt, auch gut mit mir selbst zu sein. Es tut mir jetzt noch weh, wie hart und ungeduldig ich mit mir selbst umgegangen bin, weil ich vom dreifachen Liebesappell Jesu immer nur hörte „liebe Gott und deinen Nächsten“ und nicht gehört habe „wie dich selbst“.

 

Am Dienstagabend gastierte der 68-jährige spirituelle Buchautor und Begleiter auf Einladung der Kooperationsgruppe Ländliche Gilden, des ostbelgischen Landfrauenverbandes und des Bistums Lüttich vor ausverkauftem Haus im Eupener Kulturzentrum Alter Schlachthof und  breitete in mehreren Schritten aus, wie ein konstruktiver Umgang mit Aggression möglich ist.

 

“Wir dürfen wütende Menschen sein und die heilende Segenskraft der Wut erleben”, sagte Pierre Stutz. Wut und Ärger können eine heilende Kraft sein, wenn wir konstruktiv mit diesen Kräften umgehen. Der Ärger ist wie ein Seismograph und zeigt an, dass irgendetwas nicht stimmt. Der Ärger erlaubt mir, meine eigenen Bedürfnisse auszudrücken. Man muss aufpassen, nicht in die Nörgelkultur mit einzustimmen und immer nur den anderen Schuld zu geben. Es geht um Eigenverantwortung.

 

Aggression könnte man übersetzen mit „anpacken, ans Werk gehen, sich dem Leben stellen.” Somit beginnt jeder Tag schon beim Aufstehen mit einem “aggressiven Akt, ins Leben zu treten“. Aggressiv sein ist eine Lebenskraft. “Schade, dass diese  immer verteufelt wurde.” Dass auch Engagement, Humor und Gelassenheit zusammengehören, um psychisch wie spirituell gesund zu bleiben, zeigte Pierre Stutz anhand seines eigenen Lebens auf. Bis zu seinem 38 Geburtstag lebte er nach folgenden Leitsätzen: Rund um die Uhr da sein für die ihm anvertrauten Menschen in der Seelsorge; deren Erwartungen entsprechen; etwas leisten, um geliebt zu werden. Nach einer – zwei Jahre andauernden Burnout-Phase fasste er den Entschluss, nicht nur für andere sondern auch für sich zu kämpfen. Entschieden nein zu sagen, auf den eigenen Lebensrhythmus zu achten und trotzdem engagiert und empathisch auf den anderen Menschen zu zugehen, das muss kein Widerspruch sein.

 

Mit einprägsamen Bildern beschrieb Pierre Stutz das Spannungsfeld sinngemäß mit der Aussage: „Wenn Sie in der Frühe duschen, ist das Ihre Zeit, die nur Ihnen gehört. Nehmen Sie keine anderen Menschen mit in die Duschkabine. Gedanken an die Menschen, denen Sie begegnen, sollen draußen bleiben.“ Pierre Stutz betont, dass wir anderen keine Macht über uns geben sollen. Mit solchen und ähnlichen Gedanken schließt Stutz mühelos an Psychologie, an die Mystiker und die Gottsucher in der christlichen Tradition an.

 

Immer wieder, schon beim Zeitungslesen, fragt er sich oft, ob er sich die Welt nicht schönrede, wenn er immer wieder an das Gute im Menschen glauben möchte. “Ich kenne immer wieder Momente, in denen ich Angst habe vor dem Leben und zu wenig abrufen kann, dass ich gesegnet, angenommen bin, so wie ich jetzt bin.” Unsere Hauptaufgabe ist es, “gute Nachrichten weiter zu erzählen.” Sei du selbst die Veränderung und erwarte nicht von anderen, dass sie sich ändern.  Daher erkenne in dem Menschen, über den du dich ärgerst, fünf positive Eigenschaften. “Wer mich ärgert, entscheide immer noch ich.” Lerne die Person anzunehmen, die dir die Anerkennung nicht geben will. Hier geschieht Gottes Friedenskraft, die Kraft der Vergebung sieben Mal siebzigmal.

 

Pierre Stutz zitierte jenen jungen Vater, der beim Terroranschlag in Paris 2015 seine Frau verlor und den legendären Satz prägte: „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Drei Wochen später – und das ist für Pierre Stutz fast noch wichtiger – schreibt er: „Dieser Satz überfordert mich.“ Das in Worten auszudrücken, ist für Pierre Stutz eine Spiritualität des heiligen Zornes. “Das ist für mich ein Friedensmensch!”

 

Im Anschluss beantwortete Pierre Stutz zahlreiche Fragen aus dem Publikum, darunter auch, dass er nicht im (heiligen) Zorn der (Männer-)Kirche gegenüber stecken bleibt und sich nicht im Sündenbockmechanismus verliert. Nicht austreten, sondern auftreten, denn der Glaube ist größer als die Kirche und Gott ist schon immer da.” Wir alle sind Kirche und Pierre Stutz ist nicht bereit auszutreten, um den Hardlinern, die gegen jede Veränderung sind, den Acker zu überlassen!

 

STIMMEN

“Ohne ein schlechtes Gewissens zu haben, gehören Wut und Zorn zu mir”

 

Wir haben mehrere Teilnehmer am Abend nach ihren Eindrücken befragt.

 

Johannes Weber, Eupen: “Mich berührt an Pierre Stutz seine Offenheit. In einem schweren Moment meines Lebens nahm ich 2017 an einem Seminar von Pierre Stutz teil. Das Mitgefühl, das ich damals bei ihm gespürt habe, hält bis heute an und schenkt mir Kraft. Pierre Stutz war für mich ein neuer Weg.”

 

Annie Michaelis, Eupen: “Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die es verstehen, anderen Mut zuzusprechen. Seine Botschaft ist, dass wir an uns zweifeln dürfen, weil wir eben Menschen sind. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er auch nur ein Mensch mit Fehlern ist und wir lernen müssen, dazu zu stehen.”

 

Marcel Palm, Eupen: “Ich muss mich mit mir selber beschäftigen, mit mir selbst im Reinen sein und da meine Stärken entdecken.”

 

Elly Jodocy, Amel: “Noch heute Morgen habe ich mich über eine Person geärgert. Ich suche fünf gute Eigenschaften und Gedanken über diese Person, um mit dem Ärger besser umzugehen.”

 

Maria Hoen, Astenet: “Pierre Stutz strahlt eine sagenhafte Ruhe und Gelassenheit aus und spricht mir aus der Seele heraus.”

 

Tania Habsch, Elsenborn: “Mich beeindrucken die Leichtigkeit und der Humor, mit denen er eine wichtige Botschaft herüberbringt. Die Geschichte von dem Franzosen hat mich sehr ergriffen: “Meinen Hass bekommt ihr nicht.”

 

Wilfried Gross, Elsenborn: “Ich lerne von Pierre Stutz, dass ich Wut und Zorn nicht verdrängen darf, denn dann wird er noch stärker. Nicht verdrängen oder leugnen, sondern lernen, damit umzugehen.”

 

Vroni Jost-Collas, Mürringen:  “Ich ärgere mich wenig, denn die Energie, die man damit verbraucht, ist verloren. Ich konzentriere meine Energie auf positive Dinge im Leben. Es braucht fünf positive Gedanken, um einen negativen Gedanken zu bekämpfen, sagt Pierre Stutz. Woher soll ich diese fünf Gedanken nehmen, wenn ich in einem tiefen Loch bin. Dazu braucht es Hilfe.”

 

Mia Nellen, Eupen: “Ich kann selber entscheiden, ob ich den Ärger bei mir zulassen.”

 

Alfred Renardy, Lontzen: “Wer mich ärgern will, dass bestimme noch immer ich. Der Dreiklang der Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe hat mich beeindruckt, d. h. sich selber nicht vergessen. Ich darf mich ärgern und darf auch mal mit den Füßen auf den Boden stampfen. Der Ärger hat eine positive Kraft.

 

Daniela Louges, Eupen:  “Wir sind total angenommen in unserem Sosein, mit unserem Ärger, mit unseren Gefühlen. Ich kann jetzt ohne schlechtes Gewissen sagen, dass auch Wut und Zorn ganz zu mir gehören. Das hat mir heute Abend sehr gut getan.”

 

Verena Heiners, Manderfeld: “Sein aufrichtiges Verlangen, Konflikte zu erspüren, mit ihnen in einem inneren Austausch zu gehen und nach Lösungen zu suchen. Die Konflikte dürfen sich auch in Wut und Ärger ausdrücken, aber sich nicht in einer Negativspirale verfangen. Das haben wir nie gelernt.”

 

Norbert Huppertz, Medell: “Ich habe Lebenshilfe erhalten, um mit Problemen besser umgehen zu können. Der Abend war auch für meine künstlerischen Arbeiten eine Inspirationsquelle.”

 

Gisela Cloot, Geschäftsführerin des Landfrauenverbandes: “Ich muss mich nicht für alles zuständig fühlen. Ich bin so erzogen worden, immer darauf zu achten, dass es den anderen gut geht und weniger mir selbst.  Darin erkenne ich Parallelen.”

 

Gerd Brüls, Bildungsreferent der Ländlichen Gilden: “Die Gedanken von Pierre Stutz werden nachwirken, vor allem positive Nachrichten verbreiten, mich nicht von Jammern und Anklagen leiten lassen, sondern auf mich selber schauen, mich selber verändern, wenn ich Dinge verändern möchte.”

 

Emil Piront, Bischofsvikar für Ostbelgien: “Pierre Stutz hat die Fähigkeit, wie ein Seismograph zu wirken, zu hören, was tief im Menschen an Ärger, Wut und Gefühlen geschieht. Er hat einen tiefen Respekt vor den Menschen, auf die er eingeht. Er hat die Alltagsspiritualität unterstrichen, d. h. Gottes Geist ist im Alltag in ihm, in den kleinen unscheinbaren Dingen.  Er hat mich zur Besinnung gebracht.”

Foto von Lothar Klinges:

(c) Lothar Klinges

v.l.n.r.: Emil Piront Bischofsvikar (Vertreter des Bistums), Gerd Brüls (Bildungsreferent der Ländlichen Gilden), Pierre Stutz, Gisela Cloot (Geschäftsführerin des Landfrauenverbands) – die organisierende Kooperationsgruppe mit Unterstützung des Freundeskreises Pierre Stutz Ostbelgien.

 

Fotos von Johannes Weber (Freundeskreis Pierre Stutz) und einem ganz besonderen Tag: