Kirche quo vadis – Impuls zum zweiten Austausch

Wie geht es nach Corona weiter mit der Kirche?
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Hermann Hesse). Im Frühjahr 2002 hatte der frischgebackene Bischof von Lüttich eine bezaubernde Vision: „Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.

Und vor allem ihr Priester müsst eure Aufgabe ganz neu bedenken.“ Es ist nicht leicht, an die eigenen Visionen zu glauben. Schnell können sie im Grau des Alltäglichen ihre Strahlkraft verlieren. Aber einmal in die Welt gesetzt, erlöschen sie nicht mehr, auch wenn sie über Jahre dahinvegetieren und wie vergessen scheinen. 20 Jahre sind seit jener Sternstunde vergangen. Wer hätte je gedacht, dass die Vision dieses Bischofs einmal so schlagartig, so brutal, so ganz anders alltägliche Wirklichkeit würde! „Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.“ Was vor 20 Jahren bezaubernde Worte waren, wurde über Nacht zu einem Fluch: COVID 19! Keine Gottesdienste mehr, kein Osterfest und, wer hätte es sich je vorstellen können, kein Weihnachtsfest! Auf dem Petersplatz in Rom keine Scharen zigtausender Jubelrufe, nur ein einsamer Papst, nur noch über Bildschirm mit den Gläubigen in Kontakt! Unsichtbare Kirche! „Katholische Kirche – quo vadis?“

In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass in diesen Monaten viele die Qualität der Fernsehgottesdienste, katholische und vor allem evangelische, neu entdeckt und schätzen gelernt haben. Sie haben erkannt, dass die ruhige, stille Vertiefung eines Schrifttextes, eines Gedankens unendlich bereichernder ist als die meist monotone Abwicklung des nur noch schwer verständlichen Ritus der Eucharistiefeier. Auch das muss in unserer Zeit neu bedacht und hinterfragt werden: So sinn- und wertvoll feststehende Riten auch sind, wenn sie die einzige Form der Versammlung bleiben, werden sie dem Empfinden und der Sehnsucht der heutigen Menschen nicht mehr gerecht, was nicht heißt, dass Abwechslung nun das Allheilmittel wäre. Gottesdienstliche Versammlungen dürfen keine reinen Events werden. Aber der Rückgang der Gottesdienstbesucher in den traditionellen Feiern wird einen weiteren kräftigen Schub erleben, wenn nicht andere Formen und mehr Abwechslung eingebracht werden.

Aber zurück zu unserem heutigen Thema! Nach Corona? ein neuer Anfang, ein neuer Zauber? Sehr wahrscheinlich! Eine neue Normalität wird sich einstellen. Auf dieser langen Wüstenstrecke der Lockdowns wurden neue Erfahrungen gesammelt. Die lange Abstinenzzeit hat auch die Not nach echter Glaubensgemeinschaft deutlicher spürbar werden lassen. Dies kann zu einem tieferen Verständnis der Eucharistiefeier führen. Die Gegenwart des lebendigen Christus ist nicht nur und nicht in erster Linie in den Gestalten von Brot und Wein gegeben, die anwesende Gemeinde ist der erste Ort der Präsenz Christi; die Gemeinde ist ebenso unerlässlich wie der Priester. In der katholischen Tradition hat sich eine Unsitte eingebürgert, dass Priester ohne Gemeinde Eucharistie feiern dürfen, sogenannte Privatmessen, ein Nonsens in sich! Dieser Stellenwert der feiernden Gemeinde ist bisher recht formalistisch geblieben, da die Anwesenden praktisch in der Rolle passiver Zuhörer verblieben. In großen Versammlungen ist es auch kaum möglich die Gläubigen aktiv am eucharistischen Geschehen zu beteiligen. Die sogenannte „participatio activa“, die tätige Teilnahme, von der das Konzil gesprochen hatte, war bisher eine rein innere Angelegenheit. Daher könnte in der Nach Corona Zeit die kleine, überschaubare Versammlung, 10 bis 20 Personen, die geeignete Form werden, um das Bedürfnis nach spürbarer Glaubensgemeinschaft zu beherzigen. Wie soll das geschehen? werden Sie wohl gleich fragen, angesichts so weniger Zelebranten, so weniger Priester? Hier müssen wir zu einem breiteren, umfassenderen Eucharistieverständnis finden. Eucharistie besteht nicht nur in der Feier. Die Feier ist der Abschluss eines ganzen Weges. Dies gilt im Grunde für alle Sakramente. Die Taufe besteht nicht nur aus dem Tauf-Bad; der ganze Lebensweg eines Christen ist eine einzige Taufe. Am deutlichsten wird dieser dynamische Aspekt der Sakramente bei der Ehe. Hier ist es eindeutig: die Eheleute sind das sakramentale Zeichen. Und das Ja Wort, die Eheschließung ist der Anfang des Sakramentes, das Eheleben der ganze Vollzug des Sakramentes. Ähnlich müssen wir die Eucharistie betrachten. Und hier beginnt der Vollzug des Sakramentes sogar schon vor der Feier. Brot und Wein sind Zeichen für das Leben der Menschen, kurz gefasst für Arbeit und Genießen. Mit Brot und Wein wird unser Leben auf den Altar gelegt. Damit dies aber nicht eine rituelle Formalität bleibt, ist es unerlässlich, dass uns klar und deutlich bewusst wird, was unser Leben eigentlich ausmacht. Hier können die kleineren Zusammenkünfte in überschaubaren Gruppen ihren Platz finden, wenn im Lichte eines Schrifttextes, beispielsweise des Sonntagsevangeliums, das Leben angeschaut und darüber ausgetauscht wird. Das ist dann Gabenbereitung als Lebensvollzug. Ich mache mein Leben zu einer Gabe, die ich in der Gruppe einbringe und die wir an einem der folgenden Sonntage zusammen in die Feier einbringen. Die Eucharistiefeier wird vorbereitet, aber nicht durch das Aussuchen von Texten und Liedern, das Formulieren von Gebeten und Fürbitten, eine Vorbereitung mit Stift und Papier, sondern eine Vorbereitung durch das Einbringen der Schätze und auch der Schwächen unseres Lebens, unseres Brotes und unseres Weines. So kann dann an jedem Sonntag in kleinen Runden Eucharistie ohne priesterlichen Zelebranten begangen werden. Regelmäßig – einmal im Monat wäre ein guter Rhythmus – kommen die verschiedenen Kleingruppen zusammen und feiern mit dem priesterlichen Zelebranten. Der Zelebrant ist dann nicht die magische Figur, die durch sakrale Worte die Gegenwart Christi herbeizaubert. Er ist dann der Garant dafür, dass sich die kleinen Gruppen nicht in Selbstzufriedenheit abschotten, sondern immer wieder ihre Zugehörigkeit zu der größeren Kirche bekunden.

Alles Utopie werden Sie vielleicht denken. Nein, wenn wir nicht davon träumen, dass gleich alle Christen da einsteigen, sondern es das kleine Samenkorn ist. Wenn der Lockdown beendet ist, wird dieser Neuansatz konkret in Eupen gestartet. Wenn Sie sich für die Initiative interessieren, dürfen Sie sich gerne für weitere Überlegungen bei mir melden.

Karl-Heinz Calles