Quo vadis?

Kirche Quo Vadis

Quo vadis?

Kirche, quo vadis? –
Eine Einladung zum Mitdenken

Im Dezember 2019 fand ich in meinem Briefkasten eine kleine Broschüre mit dem Titel „Kirche quo vadis“.

Vier Autoren (Peter Mertes, Willy Margraff, Karl Gatzweiler und Karl-Heinz Calles) zeichnen sich verantwortlich für diese Broschüre, die jeden dazu anregen soll, sich an den Überlegungen, Diskussionen und Projekten zur Zukunft unserer Kirche vor Ort Gedanken zu machen. Die Autoren stellen sich Fragen in Bezug auf die Stellung der Frau in der Kirche, den Priestermangel, die Frage des Zölibats und die Rolle der Erwachsenenbildung in der Vermittlung des Wortes Jesu. Fragen, die nicht neu sind und die man an vielen Orten auf der Welt stellt. Zum Ende der Broschüre formulieren sie den dringenden Wunsch, diese Fragen mit möglichst vielen Menschen zu diskutieren. Die Landfrauen verschließen sich diesem Wunsch nicht. Um Sie, liebe Leserinnen und Leser, über den Hintergrund dieser Aktion zu informieren, habe ich mit Karl Gatzweiler und Karl-Heinz Calles ein Interview geführt.

Wie entstand die Idee zu dieser Broschüre?

Karl Gatzweiler (KG): Jemand ist mit der Anfrage an mich herangetreten, etwas über die Entwicklung der Kirche nach den sechziger Jahren zu sagen. Diese Aufgabe wollte ich nicht alleine übernehmen, also lud ich einige andere Priester ein, sich zu einem Gedankenaustausch zu treffen.

Karl-Heinz Calles (KHC): Die Diskussion verlief sehr anregend und irgendwann beschloss ich, unsere gesammelten Gedanken, Befürchtungen und Hoffnungen zu Papier zu bringen. In einem ersten Schritt sollte dies ein Arbeitsblatt für uns sein. Mit zunehmender Beschäftigung damit entschieden wir, es mit der Öffentlichkeit zu teilen, um zu einem Meinungsaustausch anzuregen.

Wieso „Kirche quo vadis“?

KG: Quo vadis bedeutet „wohin gehst du?“. Um zu wissen, wohin etwas oder jemand geht, muss man schauen, woher man kommt. Wo gehst du hin? Wo kommst du her? Welche Fragen stellst du dir auf deinem Weg?

KHC: Es handelt sich um eine sehr offene Frage. Aus unserer Sicht ist es aber sehr deutlich, dass es so, wie es derzeit läuft, nicht weitergeht.

KG: Ich empfinde uns in der Kirche als festgefahren, wir geben keine Antworten. Ohne eine Antwort auf all die aufgeworfenen Fragen geben zu wollen, ist für mein Empfinden ein sicherer Wegweiser da, der lautet „Zurück zum Evangelium“.

KHC: Man hätte die Broschüre auch „Evangelium quo vadis?“ nennen können, denn wir machen uns wie wahrscheinlich viele Menschen in Ostbelgien Sorgen darum, wie in Zukunft die frohe Botschaft noch vermittelt werden kann. Es geht weniger um die Kirche als um die Sache Jesu, aber das Image der Kirche kann Hindernis sein und ist es derzeit. Darum muss sich in der Kirche etwas ändern.

Welche Sorgen sind das?

KG: Die institutionellen Fragen der Kirche sind nicht wesentlich, können jedoch auch nicht ausgeschaltet werden. Wer mit offenen Augen um sich blickt, sieht einen eklatanten Priestermangel und eine Überforderung der Priester, die noch aktiv sind. Es wird sehr aktiv gebetet für die Berufung zu geistlichen Berufen und das ist auch gut so, die Innerlichkeit und das Gottvertrauen von jedem Einzelnen sind wertvoll. Wir müssen aber erkennen, dass trotz all dieser Gebete die Situation sich zuspitzt. Wir können Priester aus fernen Ländern zu uns einladen, aber müssen wir uns nicht auch die Frage stellen, was die fehlenden Kandidaten im Priesterseminar mit den Strukturen der Kirche zu tun hat?

KHC: Ich glaube, dass das Priesteramt grundlegend neu überdacht werden muss. Das Priesteramt muss aufgesplittet werden; es ist überladen: Wir brauchen Evangelisten, PredigerInnen, GemeindeleiterInnen, ZelebtrantInnen; diese Dienste müssen nicht in einer Person vereinigt sein.Meine Sorge ist nicht der Priestermangel, meine Sorge ist eine zeitgemäße Verkündigung des Evangeliums.

Wohin sollte ein solcher Weg des Aufbruchs gehen?

KHC: Wer sich in das Evangelium vertieft, hat heute allen Grund zur Zuversicht. Die frohe Botschaft spricht die Menschen auch heute noch an. Es gibt ein riesiges Potential von suchenden Menschen, die nach Sinn und Orientierung in ihrem Leben suchen. Vielleicht finden wir sie nicht innerhalb der Kirche, sondern auch am Rand und selbst außerhalb. Nur das Image der Kirche hält viele zurück, sich ernsthaft mit dem Evangelium zu beschäftigen.

KG: Ich setze sehr viel Hoffnung in die Laien und deren Übernahme von Verantwortung in den Pfarren. Es sollten immer mehr Momente der Einbeziehung geschehen, sei es beim Wortgottesdienst oder bei Beerdigungen. Vielleicht gibt es auch noch weitere Bereiche, für die man Schulungen und Begleitung anbieten kann.

KHC: Man muss bei all dem Rechnung tragen mit dem Freiheitsstreben des modernen Menschen. Es muss dafür gesorgt werden, dass eine echte Mitsprache und Mitarbeit möglich wird, dann werden die Menschen sich öffnen. Auch hierfür bedarf es meiner Meinung nach einer Strukturreform. In den Ohren vieler Zeitgenossen klingt Kirche nach Beschneidung der Freiheit, Eingrenzung des eigenen Denkens.

Ein weiter Weg…

KG: Auf jeden Fall aber ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist bei uns ist, dass er uns begleitet.

KHC: Wir sind wie die Jünger unterwegs nach Emmaus. Wir dürfen offen und neugierig bleiben, wir können eine transzendente Wirklichkeit entdecken in den Fragen, denen wir in unserem Leben begegnen.

KG: Es ist auch nicht so, dass wir den Weg schon kennen. Es gibt innerhalb der Kirche sehr unterschiedliche Ansätze, es gibt viele Auseinandersetzungen zwischen Traditionalismus und Erneuerung. Wir müssen im Dialog bleiben. Auch wir maßen uns nicht an, zu wissen, welche Antworten heute die einzig richtigen sind. Unsere Broschüre soll nichts lehren, niemanden belehren oder übergehen. Sie soll alle, deren Herzen sich berühren lassen, einladen sich an der Suche nach neuen Wegen zu beteiligen.

KHC: Unsere Broschüre ist ein Arbeitsinstrument; es soll zu Diskussionen, Auseinandersetzungen und wenn möglich zu Initiativen anregen. Viel Neues ist möglich, mehr als wir vielleicht an Anhieb denken. Reden wir miteinander darüber.

Ich habe während des Interviews mit den beiden Autoren sehr viel Engagement und Herzblut gespürt. Leider kann an dieser Stelle nicht alles, worüber wir gesprochen haben, widergegeben werden, der Platz reicht nicht aus. Ich möchte mich jedoch bei beiden für ein wunderbares und beseeltes Gespräch bedanken.
Gisela Cloot

Den Inhalt der Broschüre und Fragen hierzu, finden Sie unter: http://www.pfarrverband-eupen-kettenis.net

Kirche, quo vadis? –
Eine Einladung zum Mitdenken

Der Diskussions- und Austauschabend zur Zukunft der Kirche mit Karl-Heinz Calles findet statt am

Dienstag, 27. Oktober, im Foyer des Triangels, St. Vith
https://app1.edoobox.com/de/LFV/2020/Workshop.ed.509456/?edref=LFV

und

Dienstag, 24.November, Alter Schlachthof, Eupen
https://app1.edoobox.com/LFV/2020/Workshop.ed.509464?edref=LFV

Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei!

Corona bedingt ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes während der Veranstaltung und eine vorherige Anmeldung verpflichtend.
Bitte melden Sie sich online www.lfv.be/online-anmeldung oder telefonisch bei Dagmar Fintz, 087/87 78 11 an.